Gut gewappnet in die Zukunft

 BZ und TIAD entwickeln Weiterbildungsangebot für Unternehmer mit Migrationshintergrund

Quelle: Anna Schneider in "Treffpunkt Bildungscampus" - Das Magazin des BCN, Ausgabe 1-2012

 

121105 Herr Reim

 

NÜRNBERG – Qualifizierte Weiterbildung von Menschen mit Migrationshintergrund ist eine mögliche Lösung für den drohenden Fachkräftemangel in Deutschland.  Daniel Reim, Leiter der Abteilung Berufliche Weiterbildung am Bildungszentrum (BZ) im Bildungscampus der Stadt Nürnberg, hat das Potential erkannt. Mit TIAD, dem Deutsch-Türkischen Unternehmerverein der Metropolregion, fand er einen starken Partner, um ein bundesweites Pilot-Projekt ins Leben zu rufen.

„Schon jetzt haben 36,1 Prozent der Nürnberger Bürger Migrationshintergrund. Das müssen wir  berücksichtigen, wenn wir unser städtisches Weiterbildungsangebot gestalten“,  sagt Reim. Die Idee entstand in der Mittagspause: „Gemeinsam mit meiner Kollegin Ingrid Arlt saßen wir beim türkischen Bäcker. Es war auffällig, dass die meisten Kunden nicht aus Deutschland stammten. Warum eigentlich bleibt diese Community immer noch zu einem großen Teil unter sich, haben wir uns gefragt“, erzählt Reim.

130627 TIAD Interview BR

Antworten fand er bei Emre Hizli, dem Vorstandsvorsitzenden von TIAD. „Unter unseren  Unternehmern gibt es viel Nischen-Ökonomie, also Leute die selbst türkischstämmig sind und ihr Angebot  überwiegend der türkischen Bevölkerung anbieten. Das trifft nicht nur auf die Döner-Bude nebenan zu, sondern auch auf Ärzte und Anwälte“, so Hizli.

Dass der Weg aus der Nische nur über Bildung führt, hat der 39-jährige Anwalt früh erkannt: „Vor fünf Jahren habe ich mich mit meiner Kanzlei darauf spezialisiert auch russischsprachiges Klientel anzusprechen. Dabei war es für mich hilfreich, dass ich schon vorher in einem ähnlichen Bereich tätig war. Wenn sie zwei Türkischstämmige haben, die sich scheiden lassen wollen, ist es nur von Vorteil, wenn sie das türkische Scheidungsrecht kennen, weil es auch hier zur Anwendung kommt.  Das gilt auch für alle anderen Bereiche. Man muss einen Blick für das Spezielle entwickeln, um Barrieren niedrig halten und die richtigen Angebote machen zu können“, erläutert Hizli.

Seit drei Jahren ist er Vorstandsvorsitzender von TIAD. „Den Verein gibt es schon seit 20 Jahren. Inzwischen sind wir auf fast 100 Unternehmer angewachsen und arbeiten immer stärker nach außen. So konnten wir wichtige Kontakte mit Wirtschaftsförderern wie IHK, HWK, Bundesagentur für Arbeit oder dem Forum Wirtschaft und Infrastruktur sowie dem Amt für Migration und Flüchtlinge knüpfen“, berichtet Hizli.

Die Idee ein gemeinsames Weiterbildungsprogramm mit dem Bildungszentrum aufzubauen, fand bei TIAD sofort Anklang:  „Wir wissen, was das BZ leisten kann und waren an einer Zusammenarbeit interessiert. Wir als Unternehmerverein haben schließlich eine ganz spezielle Brückenfunktion und wollen gern dabei behilflich sein türkische Unternehmer zu erreichen“, betont Hizli.

Unter dem Motto „Raus aus der Nische – rein in die Stadtgesellschaft“ ging es an die Arbeit. Um maßgeschneiderte Weiterbildungspakete schnüren zu können, galt es zunächst den Bedarf zu ermitteln.  Also wurden mit Hilfe eines Fragebogens von Oktober 2011 bis Januar 2012 Vorstellungen und Wünsche erhoben. „Der Rücklauf war enorm. Über die Hälfte der angesprochenen Unternehmer gab Feedback. Um die Sprachbarriere niedrig zu halten, haben wir auf persönliche Gespräche gesetzt. Unser Mitarbeiter Turhan Celal von der Projekteagentur hat die Fragebögen übersetzt und vor Ort erklärt“, erinnert sich Reim.

Die Auswertung brachte auch überraschende Ergebnisse:  Meist sind die Geschäftsinhaber schon einige Jahre erfolgreich auf dem Markt, im Schnitt zwischen fünf und zehn Jahren. Die Zahl der Beschäftigten variiert dabei von einem bis zu 3000 Beschäftigten. Dienstleistung, Handel und Gastronomie bilden den Schwerpunkt. In mehr als der Hälfte der befragten Firmen wird ausgebildet, dabei überwiegen die kaufmännischen Berufe mit 49 Prozent, gefolgt von  Assistenzberufen (22 %) und dem Handwerk (16 %). „Unsere Unternehmer blicken optimistisch in die Zukunft.  Sie planen mit dem Standort Nürnberg, wollen expandieren und investieren. Sie sehen aber auch, dass es Qualifikationsbedarf gibt – und nicht nur bei den Mitarbeitern“, freut sich Hizli.

Spezielle Schulungen sind vor allem in den Bereichen Marketing (18%) und Kommunikation (16 %) gefragt. „Ein für unsere Planung ebenfalls spannender Aspekt war das rege Interesse an  Mentoring-Programmen. Viele der Befragten wünschen sich den direkten Austausch mit Kollegen anderer Firmen“, berichtet Reim. „Und 75 Prozent haben Nachholbedarf im  IT-Bereich“, ergänzt Hizli.   

Auf der Basis dieser Ergebnisse hat Ingrid Arlt ein umfangreiches Qualifizierungspaket geschnürt, das allerdings nur realisiert werden kann, wenn das Projekt durch den Europäischen Sozialfond (ESF) gefördert wird. Der entsprechende Antrag liegt inzwischen dem Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialforschung vor. Daniel Reim bleibt zuversichtlich: „Unsere Arbeit ist bundesweit einzigartig. Bislang gibt es nirgendwo in Deutschland eine spezielle Weiterqualifizierung für türkische Unternehmer/innen. Darum hoffen wir auch, dass wir möglichst bald loslegen können.“

Teilnehmermanagement

Horst Bulla, Tel. 0911/231‐5829
Susanne Sperber, Tel. 0911/231‐5491

Ansprechpartner:
Daniel Reim, Tel. 0911/231‐3926
Andrea Lüftner, Tel. 0911/231‐4868


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